Peruanischer Kindergarten

Bildung ist ein zentrales Thema, wenn man Kulturen vergleicht. Ich habe vor allem in einem peruanischen Kindergarten gearbeitet. Was mir da so aufgefallen ist, könnt ihr hier lesen.

Peruanischer Kindergarten

Ich habe die meiste Zeit in den zwölf Monaten im Kindergarten gearbeitet. Zuerst nur mit der Gruppe „3 años” (die meisten Kinder waren zu dem Zeitpunkt schon 4 Jahre alt, aber der Gruppenname ändert sich nur einmal im Jahr 😉). Später habe ich auch mit den älteren Kindern gearbeitet.

Ich kenne mich im deutschen Kindergarten(-System) nicht so gut aus, deshalb will ich es nicht vergleichen. Ich kann auch nicht für alle peruanischen Kindergärten sprechen, denn ich habe nur den einen kennengelernt. Mir wurde aber gesagt, dass der Kindergarten, in dem ich gearbeitet habe, aber im Vergleich zu staatlichen Einrichtungen sehr an europäischen/ amerikanischen Werten orientiert war.

Hier wird das Laufen "en fila" (in der Reihe) geübt. Alle auf der weißen Linie und direkt hintereinander.

Kurz etwas Allgemeines über den Kindergarten, bevor wir uns dem Tagesablauf widmen.

In jeder Gruppe werden maximal 22 Kinder von einer Profesora (Lehrerin) und einer Auxiliar (Helferin) betreut. Die Gruppen werden nach Alter sortiert (3, 4, und 5 años). Für jedes Alter, also jedes Kindergartenjahr gibt es so etwas, wie Lehrpläne. Die habe ich mir zwar nicht angeschaut, aber die 3 años müssen am Schluss des Jahres die Vokale und die Ziffern erkennen, nachfahren und schreiben können. Sie müssen ausschneiden, ausmalen, geometrische Figuren zeichnen, Gemeinsamkeiten erkennen, Lieder singen, Gedichte vortragen, … Das alles wird mehrmals im Jahr in großen Prüfungen abgefragt.

„Mein“ Kindergarten war sehr gut ausgestattet. Die 3 años hatten Duplo, eine Puppenküche, zwei Puppen, Puzzles, Plastikplättchen in verschiedenen Formen und Farben, Perlen und „Fädeltiere“, die man auf Schnürsenkel fädeln konnte, Stoffbälle, Holzwürfel mit Zahlen und Buchstaben drauf, Holzkisten zum ineinander- und übereinanderstapeln und eine Bibliothek mit Bilderbüchern auf einer eingezogenen Etage, die aber nur sehr selten geöffnet wurde.

Auf dem techo (Dach, also oberes Geschoss) gab es Matten, gepolsterte Holzkisten zum Springen, kleinere Holzkisten zum bauen und stapeln und einen kleinen Parcours mit einer viereckigen und einer runden Balancierstange ca 30 cm über dem Boden.
Im „Kindergartengarten“ (also vor den Gruppenräumen) war der Boden mit Kunstrasen ausgelegt. Dort gab es ein kleines „Klettergerüst“ (ca. 1m hoch) mit Rutsche, Plattform und „Höhle“. Es gab Bälle in verschiedenen Größen, Hüpfbälle, Reifen und zwei Tore.
Auf dem angrenzenden Spielplatz der Schule gab es außerdem einen Kiesplatz mit Schaukeln, Wippen, zwei Rutschen und eine Hangelstange, auf die die Kinder nicht können und dürfen, weil sie zu hoch ist.

zur "fiesta de los animales" (Fest der Tiere) wurden die Tische zur Seite gestellt um eine Tanzfläche zu haben.

Ein Tag im Kindergarten lief quasi immer gleich ab. Es gab einen Wochenplan, wo aufgelistet war, an welchen Tagen was gemacht wird.

Zwischen 8 und 8:30 Uhr durften die Kinder gebracht werden. Manche Kinder waren auch schon früher da und haben bei den Schulkindern gewartet, bis ihre Profesora kam. Wer nach 8:30 Uhr kam musste als Strafe bis 8:45 Uhr warten, bevor es in den Kindergarten ging. Außerdem gab es einen „TARDE“-Stempel in die Agenda (so etwas ähnliches, wie ein Hausaufgabenheft). Bis 9 Uhr durften die Kinder den Tag langsam beginnen. Die Lonchera (Tasche mit Essen), die Mochila (Tasche mit Heften und Umziehklamotten) und evtl. die Jacke mussten aufgeräumt und die Agenda und die Hefte mit den Hausaufgaben mussten herausgeholt und auf das Pult gelegt werden.

Um 9 Uhr gab es einen Morgenkreis mit Begrüßungslied, ein paar Liedern, dem Besprechen von Wochentag, Datum und Wetter, sowie Gebet. Dabei musste jedes Kind auf seinem Platz am Tisch sitzen. Nur während des Gebets kam ein Kind nach vorne, das vorbetete, was alle anderen Kinder dann nachsprachen.

Bis 10 Uhr war Projektzeit. Hier machte die Profesora etwas mit den Kindern, während die Auxiliar die Agendas stempelte und Hausaufgaben kontrollierte. Projekte sind z.B. einen Tanz oder ein Lied für das nächste Fest einüben, Musikhören und besprechen, Arbeit vom letzten Tag fertig stellen, … oder auch Psychomotorik (jedes Kind muss einen Parcours 1-2 Mal absolvieren. Als Variante auch sockig oder barfuß.

Zwischen 10 und 10:30 Uhr war Frühstückszeit. Vorher mussten alle Kinder die Hände waschen (dafür mussten sie sich in einer Reihe anstellen und warten, weil es nur drei Wasserhähne gab) und es wurde gemeinsam gebetet. Zum Frühstück bringt jedes Kind eine eigene Mahlzeit mit (z.B. Reis mit Hühnchen, oder Rind), die das Kind auch komplett aufessen musste. Nur wer aufgegessen hatte, durfte mit zum Sport. Der war zwischen 10:30 und 11:15 Uhr. Je nach Wochentag war Sport auf dem Spielplatz in der Schule, auf dem Techo oder im Kindergartengarten. Im Anschluss musste jedes Kind das T-Shirt umziehen, das Gesicht und die Haare waschen. Die Mädchen wurden danach natürlich wieder frisiert.

Alle drei Monate gabs ein großes Geburtstagsfest für alle Kinder, die in dieser Zeit Geburtstag hatten.

Wenn alle fertig waren, fing die „tiempo de trabajar“ (Arbeitszeit) an. Dabei musste jedes Kind an seinem Platz am Tisch sitzen und Aufgaben erledigen. Meistens waren das Arbeitsblätter, wo die Kinder einen Buchstaben oder eine Zahl anmalen, bekleben oder nachfahren mussten. Oder auch etwas ausschneiden, Kügelchen aus Krepppapier formen und aufkleben, Bilder ausschneiden und in der richtigen Reihenfolge wieder aufkleben, … Diese Phase war dazu dar, die Kinder auf die Prüfungen vorzubereiten. Was mich aber ziemlich schockiert hat, war, dass die Kinder nichts allein machen durften. Alles war genau vorgegeben und wenn das Kind mit einem Teilschritt fertig war, musste es warten, bis jemand die Arbeit kontrolliert hat und der nächste Schritt erklärt wurde. Kreativität oder selbstständiges Denken wurden nicht gefördert, sondern eher unterdrückt. (Wie übrigens auch in der Schule).

Die letzte viertel Stunde bevor die Kinder um 12:30 abgeholt wurden, wurde meistens dafür genutzt, Feedback vor der Gruppe zu geben. Es wurde gesagt, wer heute gut und wer heute schlecht gearbeitet hat bzw. wer etwas falsch gemacht hat. Außerdem wurden manchmal auch noch die Hausaufgaben für den nächsten Tag erklärt. In der Zeit, wo die Kinder abgeholt wurden, hat die Auxiliar schon den Salon (Gruppenraum) aufgeräumt und gewischt, während die Kinder im Kindergartengarten gespielt haben.

Musikunterricht über die Vögel im Karneval der Tiere

Irgendwann habe ich Musikunterricht eingeführt. Eine Stunde, in der ich mit den Kindern in den Musikraum gegangen bin. Dort haben wir zusammen Lieder gesungen, Musik angehört, getanzt, musiziert, … Das hat den Kindern sehr gut gefallen. Ob das weiterhin beibehalten wurde, weiß ich aber nicht.