Tag(e) der Schiene
Ein Wochenende voller Bahn-Einblicke. ICE-Werk, Fahrzeuginstandhaltung und Betriebszentrale habe ich mir angeschaut. Was ich dabei gelernt habe? Einiges. 😊

Ein Wochenende voll mit Bahn-Erlebnissen 😮 Einmal im Jahr gibt es den Tag der Schiene. Eigentlich sind es ja drei Tage, an denen man hinter die Kulissen der Bahn schauen kann. Bahnhofsfeste, Karriere-Züge, ICE-Werke, Betriebszentralen, Sonderfahrten, ... Jeder, der sich ein bisschen für Züge bzw. das Bahnfahren interessiert, findet mit Sicherheit etwas.
Die letzten Jahre habe ich es immer gerade verpasst und mich sehr geärgert. Dieses Jahr stand der Termin schon früh im Kalender und ich habe es sogar noch geschafft, mich rechtzeitig für ein paar Führungen anzumelden. Was ich erlebt und gelernt habe, habe ich euch zusammengeschrieben.
Freitag:
Ich war im ICE-Werk in Köln-Nippes. Schon so oft bin ich dort vorbei gefahren und immer wieder habe ich davon gelesen, wie modern und „grün“ das Werk doch ist. Erzeugt seinen eigenen Solarstrom und ist super lang (400 Meter), damit dort ganze Doppeltraktionen (und der ICE4-Lang mit seinen 13 Teilen) einfahren kann um gewartet zu werden. Aber was genau „modern“ bedeutet, wusste ich nicht.
Hingefahren bin ich mit der S-Bahn zur Geldernstraße und dann mit dem Bus weiter. Als Zug kommt man deutlich einfacher in das Werk, als als Fußgänger. Hab schon vor Ort gewitzelt, dass sie uns doch einfach mit nem Sonderzug hätten abholen können…
Vor Ort musste man dann gefühlt durch die halbe Anlage laufen, bis man beim eigentlichen Werk war. Die Organisation war super – die Führungen im Viertelstunden-Takt gingen pünktlich los und haben sich auch im Werk nicht behindert.
Im Werk durfte man leider nicht fotografieren. Lediglich ein Foto vor einem der Züge wurde einem angeboten.

Unsere Tour wurde von einem geleitet, der in der Toiletten-Werkstatt arbeitet. Ich glaube, ich habe noch nie jemanden so leidenschaftlich von Toiletten erzählen hören. Mein Lieblings-Fakt zur Toilettenwerkstatt: Die Klos werden als ganzes ausgebaut (also inklusive der ganzen Vakuumtechnik unter dem Sitz) und dann erstmal in einer WC-Spülmaschine gereinigt. Gerade, wenn die Klos verstopft waren, ist das wahrscheinlich auch besser so. 😅
Sidenote: das hat mich daran erinnert, dass ich noch nach Nürnberg ins DB-Museum wollte. Die haben da grad ne Sonderausstellung zur Zugtoilette…
Das Werk ist übrigens so perfektioniert in Produktivität, Arbeitsschutz und Nachhaltigkeit, dass alle neuen Werke jetzt nach dem Vorbild in Nippes gebaut werden.
Samstag:
Samstag bin ich dann morgens früh aufgestanden und in den ICE nach Nürnberg gestiegen. Immerhin wurde ich mit einem wunderschönen Sonnenaufgang belohnt, den ich dann im Zug genießen durfte. 🥰

In Nürnberg angekommen, bin ich direkt zum Instandhaltungswerk gefahren. Ich war so früh dran, dass ich in die frühere Führung wechseln konnte (was ganz gut war - aber dazu später mehr). Wir waren ungefähr 30 Leute, die dann nochmal in zwei kleinere Gruppen aufgeteilt wurden. Meine Gruppe wurde von einem Mitarbeiter durch die Hallen geführt, der selbst schon in quasi allen Abteilungen gearbeitet hat und sich dort mit den Jahren auf dem zweiten Bildungsweg nach oben gearbeitet hat. Er hatte also wirklich auf alle Fragen eine Antwort.
Ein weiterer Vorteil: Die Halle steht samstags still. Das Werk ist in einem Mischgebiet – also Industrie- und Wohngebiet – und hat deshalb strikte Lärmschutzauflagen. Die „Produktion“ läuft deshalb nur von Sonntag Spätabend bis Freitag Abend. Samstags wird geputzt. Und wir durften das Werk in Ruhe besichtigen, ohne Menschen bei ihrer Arbeit zu stören. (Wobei man da in Nippes – abgesehen von dem einfahrenden Zug und ein paar radelnden Mitarbeitenden – auch nicht wirklich etwas mitbekommen hat)

In Nürnberg werden Nah- und Fernverkehrszüge (ICE 1 und 3) lebensverlängert. Also einmal komplett auseinander genommen und neu zusammengebaut.
Die Halle sieht zwar nicht so neu und modern aus, wie die in Nippes (ist aber halt auch ein paar Jahrzehnte oder mehr älter). Aber für mich war es noch faszinierender, weil man viel mehr gesehen hat. Ausgebaute Sitze, die ein neues Polster bekommen haben, Teppichrollen für den ICE-Boden, halbe und ganze Radsätze, offene Technik-Klappen, ausgebaute Türen, einzelne ICE1-Wagen, … alles konnte man irgendwo sehen (und fotografieren).

Im Anschluss an die Führung hab ich mich noch mit einem Ausbildungsbeauftragten unterhalten, der mir die 3D-Druck-Stücke seiner Azubis erklärt hat und mir auch noch eine gedruckte Pfeife in Zug-Form geschenkt hat. (Um Leute zu nerven. 😉)
Ich musste dann aber auch recht bald weiter, denn zwischen München und Nürnberg fuhr der ICE-Verkehr nicht so ganz wie geplant… Und ich wollte noch nach München. Ich hab mich also beeilt, hab mir einen Sitzplatz im vollen Zug gesichert und dann erstmal auf die Teilräumung gewartet. Irgendwann waren wir dann tatsächlich in München (mit nur bisschen Verspätung) und nach einem kurzen Lounge-Besuch bin ich auch schon in die Betriebszentrale München gefahren. Dort werden alle Züge in fast ganz Bayern gesteuert. Ich war ja schon mal in einem Stellwerk und in einem Modell-Stellwerk, aber die Betriebszentrale in München ist echt riesig!

Nachdem ich im EBD (Modelleisenbahn in realistisch) schon selber ein ESTW (Elektronisches Stellwerk) bedient habe, war der Teil über das ESTW nicht ganz so interessant, aber auch da: schön, das mal in echt zu sehen!
Der zweite Teil war die Entstörstelle. Dort laufen alle Probleme zusammen, die noch kein Notfall sind. Also ein Zug mit verminderter Geschwindigkeit beispielsweise. Dort habe ich gelernt, dass es Express-Trassen gibt, die man buchen kann. Dann darf einen niemand überholen - egal, wie verspätet der Zug ist, der die Express-Trasse gebucht hat. Ansonsten gilt grundsätzlich „schnell vor langsam“, aber das ist natürlich bisschen sehr vereinfacht. Da gibt es einige Regeln und Besonderheiten, die man so beachten muss.
Als drittes gab es dann noch die ZES (Zentrale Energiesteuerung), bei der der Strom auf den Oberleitungen in fast ganz Bayern überwacht wird. Auf den ersten Blick sieht deren Schaltbild aus, wie ein ESTW, aber auf den zweiten Blick sieht man, dass da lauter Strom-Zeichen sind. Hier war meine Aufmerksamkeit schon nicht mehr ganz so gut und dann noch die elektrotechnischen Details waren ein bisschen viel für mein Hirn. Aber auch hier habe ich einen Lieblings-Fakt mitgenommen: Letztes Jahr gab es zum ersten Advent ja so viel Schnee in und um München. Dabei sind ganz viele Oberleitungen kaputt gegangen. Ich dachte ja, das lag an den umgefallenen Bäumen. Stimmt nur teilweise. Die meisten Oberleitungen sind tatsächlich geschmolzen, weil da abgestellte Fahrzeuge ihre Standheizung anhatten. Du fragst dich, wie das passieren kann? Ich versuche das mal mit meinen fehlenden Elektro-Kenntnissen zu erklären: Die Standheizung der abgestellten Fahrzeuge braucht Strom, also sind die Stromabnehmer an der Oberleitung angelegt. Das sind ungefähr 6 Newton, mit denen die Stromabnehmer an die Oberleitung drücken. Gleichzeitig kommt von oben immer mehr Schnee. Irgendwann sind die 6 Newton nicht mehr genug Kraft nach oben. Also geben die Stromabnehmer (bzw. die Federn darin) langsam nach und lösen sich ganz langsam von der Oberleitung. So entsteht ein Lichtbogen (also sowas, wie ein Blitz) zwischen Stromabnehmer und Oberleitung. Weil die Oberleitung aus Kupfer die hohen Temperaturen von dem Lichtbogen nicht aushalten, schmelzen sie irgendwann und kommen runter. In die Nähe von solchen kaputten Oberleitungen sollte man nicht gehen, wenn sie nicht geerdet werden. Das macht in der Regel die Feuerwehr, die waren aber so sehr beschäftigt, dass das häufiger was länger gedauert hat. So sind dann zusätzlich zu den kaputten Oberleitungen auch noch die Fahrzeuge eingefroren und so ist noch mehr Schaden entstanden.

Wenn man solche Einblicke bekommt, hat man doch direkt noch viel mehr Verständnis für den Bahnbetrieb und seine Macken. 😅
Mehr Fotos - und manche Erzählung auch in Video-Form gibts hier.
Nähere Infos gibt es dann bei Zeiten hier.